“Mondtäuschung”

Moon Illusion

Was können Sie hier sehen?

Nebenstehend sehen Sie das Bild »O Lune! … Inspire-moi ce soir quelque petite pensée …« von Honoré Daumier (1844). Der Mond sieht doch schön aus, und sehr realis­tisch, nicht wahr? Beim Drüber­fahren mit der Maus (oder antippen) verändert sich das Bild so, wie der Mond richtig aussähe nach den Winkeln und Abstän­den im Bild (Irvin Rock 1984, 1995).

Die sog. Mondtäuschung bezieht sich auf zwei Aspekte: zum einen sieht der Mond viel größer aus, als er ist, zum anderen erscheint er am Hori­zont noch größer als am Zenit. Daumier hat den Mond so gemalt, wie er uns vor­kommt wenn wir uns die Situ­ation des Bildes vergegenwärtigen, nicht wie ein Photo ihn wiedergäbe.

Schätzen Sie mal in Körpermaßen: am ausge­streck­ten Arm, wie können Sie den Mond gerade über­decken? 1 oder 2 Finger, Daumen, kleiner Finger?

Antwort: Der Mond ist ca. 2/3 so groß wie die Breite des kleinen Fingers. Beim nächs­ten Voll­mond aus­pro­bieren!

Wie funktioniert das?

Mich überzeugt die Erklärung, die man mit einem Wort benennen kann: Größen­konstanz. Norma­ler­weise multi­pliziert unser Wahr­neh­mungs­system die Bild­größe auf der Netz­haut mit der vermu­teten Ent­fernung, um so auf die richtige Größe zu kommen. Über die Ent­fernung des Mondes weiß unser Wahr­neh­mungs­system nichts, außer “weit”, und nimmt eine Stan­dard­ent­fernung an (“default“, einige Kilo­meter). Der Mond am Horizont ist “hinter den Bergen”, weiter als die Stan­dard­ent­fernung; somit erscheint er größer als der Mond am Zenit bei ja iden­tischer Bild­größe auf der Netz­haut. Weil die “Stan­dard­ent­fernung” von Mensch zu Mensch schwankt, schwankt auch die Stärke der Mond­täuschung.

Ganz merkwürdig: wenn man sich bückt und zwischen den Beinen hin­durch blickt, dann nimmt die Mond­täuschung ab (Coren 1992, Higashiyama & Adachi 2006)! Das zeigt den Einfluss den Kontextes auf die Größen­konstanz.

Das Sujet scheint mir verwandt mit Spitzwegs “Der arme Poet” (1839). Daumier hat mit “Poète dans la mansarde” (1842) und “Loca­taires et Proprie­taires: Brigand de proprie­taire” (1847) das Thema noch mehrfach aufgegriffen.

Quellen

Rock I, Kaufman L (1962) The Moon Illusion, I: Explanation of this phenomenon was sought through the use of artificial moons seen on the sky. Science 136:953–961

Rock I, Kaufman L (1962) The Moon Illusion, II: The moon's apparent size is a function of the presence or absence of terrain. Science 136:1023–1031

Rock I (1984/1995) Perception. New York: W.H. Freeman, Scientific American Library. Sehr schönes Buch!

Coren S (1992) The moon illusion: a different view through the legs. Percept Mot Skills. 75:827–831

Kaufman L, Kaufman JH (2000) Explaining the moon illusion. PNAS 97:500–505 [PDF]

Ross HE and Plug C (2002) The mystery of the moon illusion: Exploring size perception. Oxford University Press. ISBN 0 19 850862 X

Higashiyama A, Adachi K (2006) Perceived size and perceived distance of targets viewed from between the legs: Evidence for proprioceptive theory. Vision Res 46:3961–3976

Donald E. Simanek has a nice overview of various moon-illusion explanation attempts

[→ Weitere Informationen auf Englisch]

 
→Sehphänomene