Was können Sie hier sehen?

Wenn Sie zwei ungefähr gleiche ausgerichtete Augen haben, werden Sie eine “Wurst” vor sich schweben sehen, wenn Sie diese Schritte befolgen:

  1. Halten Sie Ihre Hände auf Augenhöhe, etwa 20 bis 30 cm entfernt von Ihrem Gesicht.
  2. Deuten Sie mit den Spitzen Ihrer Zeigefinger aufeinander, lassen Sie dabei aber eine Lücke von etwa 2 cm dazwischen.
  3. Jetzt sehen Sie zwischen ihren Zeigefingern hindurch in die Ferne.
  4. Die Wurst sollte jetzt erscheinen und Sie können ihre Länge ändern, indem Sie die Entfernung Ihrer Fingerspitzen variieren.
  5. Für die meisten Betrachter wird die Wurst zumindest anfangs verschwommen erscheinen.
  6. Wenn Sie versuchen, direkt auf die Wurst zu schauen, wird sie verschwinden. Sie ist nur zu sehen, wenn Sie in die Ferne schauen.
  7. Es ist hilfreich wenn der Hintergrund einfarbig ist und eine Farbe hat, die sich von der Farbe der Finger deutlich unterscheidet.

Wie funktioniert das?

Die Täuschung einer schwebenden Wurst entsteht aufgrund zweier Mechanismen: 1. Physiologische Doppelbilder und 2. der Wettstreit zwischen den beiden Augen (“Wettstreit” ist der korrekte Terminus technikus, man kann auch “binokulärer Wettstreit” sagen, englisch “binocular rivalry”; das Ganze ist ein Spezialfall von perzeptuellem Wettstreit).

Wenn Sie auf Ihre Finger schauen, ist die Blickrichtung der beiden Augen einander zugeneigt. Ihre beiden Blicklinien treffen auf das Ziel. Wenn Sie dann allerdings in die Ferne sehen, bewegen sich Ihre Augen leicht nach außen, so dass die Blicklinien fast parallel verlaufen. Die Augen haben daher für nahe Objekte nicht mehr die richtige Position. Das Bild, das vom rechten Auge wahrgenommen wird, kann so nicht mehr mit dem Bild des linken Auges verschmolzen werden und erscheint in Ihrem “inneren Auge” deshalb doppelt. Das ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang und passiert ständig. Normalerweise werden diese doppelten Bilder aber nicht wahrgenommen. Warum sieht man sie normalerweise nicht? Wenn die beiden Bilder sich überschneiden, warum sieht dann das zusammengesetzte Bild nicht aus wie in der Grafik hier rechts?

Hier kommt der zweite Mechanismus ins Spiel: Zwischen den Wahrnehmungen der Fingerenden entsteht eine Art Wettstreit, wenn das Gehirn versucht, die beiden Bilder miteinander zu kombinieren. Ein Auge sieht, dass der Finger endet, das andere sieht aber dass er weitergeht.

Was tut also das Gehirn in so einer Situation? Wenn beide Bilder sich ähnlich sehen, schwankt die Wahrnehmung zwischen den Alternativen. Aber bei in diesem Fall ist der farbliche Unterschied zwischen dem Fingerende und dem Hintergrund groß. Deshalb gibt es in einem Auge einen starken Kontrast zwischen Fingerende und Hintergrund. Wenn zwischen den beiden Augen ein Wettstreit besteht, “gewinnt” jedes Auge da, wo es den höheren Kontrast wahrnimmt. Das Bild, das vom anderen Auge wahrgenommen wird, wird unterdrückt. In der Grafik links wird dieser starke Kontrast symbolisiert durch dend gelben Halo.


Quellen

I’ve seen this demonstration decades ago and cannot remember its origin. I would be grateful for any pointers.

Alais & Blake 2004: a book on binocular rivalry

Randolph Blake’s pages on rivalry (with demos)

Wikpedia on binocular rivalry

 

[→ Weitere Informationen auf Englisch]

 
→Sehphänomene